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Glaube - Leben - Popkultur

Bürger-Wehr

 

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Dr. Stephan Barth / pixelio.de

Da bin ich ganz neu in der Eifel – an meiner „ersten Kaplansstelle“ – und schon geht es rund: Schlagzeilen, Auseinandersetzungen, Streit… Nein. Diesmal geht es `Gott sei Dank` nicht um die katholische Kirche. Es geht um die Genehmigung eine Deponie für Abfälle.

In einem Dorf unserer Pfarreiengemeinschaft soll ein Lavatagebau mit Müll verfüllt werden. Die Verfüllung hat freilich schon begonnen – mit Bauschutt. Jetzt ist eine Genehmigung beantragt, die vorsieht, dass dort neben dem Bauschutt auch stärker belastete Stoffe wie Asbest und Schlacken ein- und abgelagert werden können. In den letzten Wochen regte sich gegen diese Pläne Widerstand in der Bevölkerung. Es hat sich eine Bürgerinitiative gegründet und letzte Woche stellten sich die Verantwortlichen (privater Betreiber, Ortsbürgermeister, Landrat), Vertreter von Umweltverbänden, ein unabhängiger Experte und die Bürgerinitiative im Rahmen einer Podiumsdiskussion den Fragen und Sorgen der Bürger – über 350 Menschen waren gekommen.

Während der Diskussion sollte es vor allem um sachliche Fragen gehen: wie sieht es mit evtl. Risiken der Deponie aus; durch welche Vorkehrungen werden Risiken minimiert; wie war die Genese dieses Projekts; mit welchen zusätzlichen Belastungen (Staub, Verkehr, Emissionen) ist für die Bürger zu rechnen; besteht Gefahr für das angrenzende Trinkwasserreservoir. Neben diesen sachlichen Fragen glitt die Diskussion aber immer wieder ins Emotionale ab – die Bürger waren enttäuscht und sauer über die Informationspolitik und die Vorgehensweise der Verantwortlichen und äußerten auch lautstark ihren Unmut darüber.

Jenseits der Frage, ob ich für oder gegen die Deponie bin, hat mich die Wortmeldung eines Verbandsvertreters der Entsorgungswirtschaft doch sehr empört. Er sagte sinngemäß auf dem Höhepunkt der Diskussion, dass er ständig solche Veranstaltungen besuche und die Bürger aufgrund der Komplexität einer Deponie gar nicht in der Lage wären das sachlich zu beurteilen – sie sollten sich doch lieber auf den Rat der Fachmänner verlassen.

Ich kam mir vor, als wäre ich im falschen Film. Ist es nicht genau diese arrogante Haltung, die zu solchen Auseinandersetzungen führt wie Stuttgart21 oder die Ablehnung der Olympiabewerbung von München durch einen Bürgerentscheid?! Der Bürger soll entmündigt werden und Großprojekte, die ja meist auf dem Rücken der Bürger ausgetragen werden – er hat mit den Folgen halt zu leben -, werden in den Konferenzzimmern von Behörden zwischen Unternehmern und Politikern ausgekungelt. Das, so glaube ich, ist Politik von gestern. Und gegen solches Vorgehen steht der Bürger zu Recht auf: Bürger-Wehr.

Hat nicht schon Aristoteles den Bürger dadurch definiert, dass er Anteil hat an Entscheidungen und an der Herrschaft. Und das benötigt eines: Transparenz! Wo dies nicht der Fall ist, wird der Bürger entmündigt. Vorenthalten von Informationen – Intransparenz – macht den Bürger skeptisch. Mächtige geben halt allzu gerne möglichst wenig von ihrer Macht ab und Macht ist heute Information.

Dieses Thema hat auch viel mit der Situation der Kirche zu tun. Denn Widerspruch gegen Kirche kommt heute da auf, wo mangelnde Transparenz herrscht: Die Haushalte jenseits des „normalen“ Bistumshaushalts, die Vatikanbank, viele Personalentscheidungen. Gut, wenn sich da etwas ändert.

 

Oliver Seis

 

 

Oliver Seis (34 Jahre ) ist Kaplan in der Pfarreiengemeinschaft Gillenfeld.  Der  gebürtige Hunsrücker studierte zunächst Betriebswirtschaft (FH) und anschließend Theologie . Er ist begeisterter Jakobswegpilger und seit Sommer erkundet er neue Wege in der Eifel. 

 

 

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