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Don’t let Barmherzigkeit die!

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Seit Monaten nervt mich dieses Schild. Wenn ich abends noch schnell beim Discounter um die Ecke irgendwas Essbares suche, hängt es über der Kasse. “Aufrunden bitte!”. Das ist eine Aktion mehrerer großer Unternehmen, bei denen der Kunde durch Aussprechen dieser beiden magischen Worte den Preis für seine Einkäufe auf den nächsten 10-Cent-Betrag aufrunden lässt. Der Überschuss geht an “soziale Projekte hier in Deutschland”. Was genau “sozial” bedeutet und welche Projekte das sind, geht aus dem Werbeschild natürlich nicht hervor. Stutzig macht mich aber auch eher, dass profitorientierte Unternehmen, die normalerweise alles daran setzen, die Konkurrenz mit Billigpreisen zu unterbieten, plötzlich damit werben, etwas für die Armen zu tun. Und damit fängt es ja schon an: Mit „sozialen Projekten“ kann alles mögliche gemeint sein, ich denke dabei aber automatisch an Hilfe für Arme, soziale Benachteiligte, Leute, die es nicht so dick haben. Wer genau arm ist, lässt sich gar nicht so einfach definieren…

Für die Macher des Projekts „Aufrunden bitte!“ scheint das auch gar nicht so wichtig zu sein. Und auch wer an der Kasse einen bis neun Cent gibt, wird sich wohl denken, es sei ja für einen guten Zweck. Ist es vielleicht auch, darum geht es mir gar nicht. Es geht mir darum, dass Hilfe für Menschen in Not reduziert wird auf die Transaktion von Geldbeträgen. Das ist nicht nur an der Supermarktkasse so. Ich arbeite in einer großen Pfarrei zu der über 18.000 Katholiken gehören. Zwei Caritasbüros können wir anbieten, in denen Sozialarbeiterinnen sich viel Zeit nehmen können, um auf die verschiedensten Nöte der Menschen einzugehen. Manchmal hören sie einfach zu. Bei einer Tasse Kaffee. Manchmal geben sie Kleiderspenden ab. Sehr oft brauchen die Leute dringend Geld. Auch das können sie in begrenztem Umfang bekommen. Und doch löst es die Probleme oft nicht. Gut, wenn wir uns zwei Hauptamtliche leisten können. Aber mir bleibt ein mulmiges Gefühl, wenn wir Christen an einen Gott glauben, der auf der Seite der Schwachen steht, obwohl von uns eigentlich kaum einer was mit denen zu tun haben will.

In der Kirche genau wie im Staat ist der Einsatz für Menschen in Not professionalisiert. Jeder weiß, dass er notwendig ist – nur die Wenigsten nehmen sich Zeit, selbst was zu tun. Kirchensteuer, Sozialabgaben, vielleicht hier und da eine Spende. Wir haben die Nächstenliebe ökonomisiert. Deswegen finde ich so wichtig, dass die Geschichten nicht vergessen werden, die von Barmherzigkeit erzählen, diesem altmodischen Wort, das auf keinen Fall aussterben darf, weil es keinen Ersatz dafür gibt. Und deswegen ist St. Martin auch kein “Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“, zu dem es manche Leute gern machen wollen. Es ist so einfach, sich zurückzulehnen und zu sagen, man zahle doch schon Steuern und überhaupt haben wir doch eins der besten Sozialsysteme der Welt und wer da nichts bekommt, bei dem wird es schon seinen Grund haben….Es stimmt nur nicht. Es gibt so viele Situationen, in denen ganz konkrete Hilfe benötigt wird. Nicht unbedingt durch Geld, viel wichtiger sind Zeit und Talente.

Lass uns da mal was starten, du und ich.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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