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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Mein Freund, der Tod

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

“Eigentlich haben wir meine Mutter letzte Woche zum Sterben nach Hause geholt. Aber wir haben uns dann anders entschieden”. Die Tochter steht neben der Tür. – Etwas perplex stehe ich am frühen Samstagabend in dem kleinen gemütlichen Wohnzimmer am Stadtrand. Ich knie einer alten Dame gegenüber, die mir ganz rüstig ihre aktuellen Beschwerden schildert, während sie mit einer Wolldecke eingemummelt auf der Couch liegt. Um meine beiden Beine wuseln zwei kleine Hunde, sie freuen sich über den Besuch von meinem Kollegen und mir. Der Kamin brennt, viele Bilder zeigen die innige Beziehung von Mutter und Tochter. Die Atmosphäre lädt ein, sich dazu zu gesellen.

Der Blick in den letzten Entlassungsbrief zeigt, dass die alte rüstige Dame todkrank ist. Rettungsdienstler sprechen hier gerne vom „internistischen Polytrauma“. Wissenschaftlich unkorrekt, aber ein passender Sammelbegriff für alte Menschen, deren Gesundheitsstatus durch die Auflistung dessen, was sie nicht haben, wesentlich schneller zu beschreiben ist als beim umgekehrten Vorgehen. Dennoch ist sie klar im Kopf, weiß, wo sie im Leben steht. Und zwar am Ende.

Ihre Tochter hatte sich anders entschieden. Sie konnte sie nicht sterben lassen, hat dann doch veranlasst, dass der Mutter geholfen wird. Jetzt ist sie zuhause. Ihre aktuellen Beschwerden sind nicht dramatisch. An und für sich nicht einmal relevant für eine Einweisung in die Klinik, es ist der Wille der Tochter. Sie ist verantwortlich. Sie ist bevollmächtigt.

Sie ist besorgt. Mit ihren Gesten umsorgt sie ihren Schatz, versucht alles, ihn zu schützen. Ohne zu merken, wie er ihr unentwegt zwischen den Fingern entgleitet. Sie ist nicht bereit, ihre Mutter sterben zu lassen. Sie gehen zu lassen. Ob die Mutter bereit ist? Ob sie vergangene Woche bereit war? Die Frage liegt mir auf der Zunge. Ich bremse mich. Frage nach einer Medikamentenliste.

Ich stehe in einem Raum voller Leben: die mit ihrer Rute wedelnden Hunden, einer rüstigen alten Dame, die mit mir lächelt, einer Tochter, die liebevoll ihre Mutter umsorgt. Doch mein Wissen um Krankheitsbilder, die Interpretation von Medikamentenlisten und das auf mich einengende Umwuseln der Tochter um die Mutter verwandeln mich. Ich habe das Gefühl, die Seiten zu wechseln. Vom Retter werde ich zum Anwalt des Todes. Ich möchte eine Allianz mit ihm eingehen.
Gerne würde ich die alte Dame zu Hause lassen, dass sie in diesem heimeligen Zuhause auch Abschied nehmen kann, dass sie sterben kann.

Wie eine Mutter alles für ihr kleines Kind tut, dass ihm nichts zustößt, so tut ein erwachsen gewordenes Kind alles für ihre Mutter, dass ihr nichts zustößt. Und hier komme ich ins Spiel. Ich bringe die Mutter erneut ins Krankenhaus. Auch wenn mein Urteil gefallen ist, wenn ich Position bezogen habe, bleibe ich still. Es steht mir nicht zu. Kompetenzüberschreitung wäre es, milde ausgedrückt. Anmaßend wäre es. Doch ich bin auch keine Maschine.

Wie es weitergeht, ich kann nur spekulieren. Sie bleibt einige Tage. Ihr Körper darf sich wieder erholen, wird mit Infusionen und Medikamenten aufgepäppelt. Dann geht es wieder nach Hause. Die Fragen nach dem Wann verzögern sich, die Haltung zum Tod wird bleiben. Sterben ist in unserer Gesellschaft nicht mehr erlaubt. Es ist nahezu verboten. Dabei sehe ich es als ein großes Glück, nach einem langen Leben in einem gemütlichen Zimmer, in dem ein Kamin Wärme und Licht spendet, in dem die Hunde herumtoben und ich die Gesellschaft meiner Liebsten genießen darf, mein Herz langsam ausschlagen zu lassen.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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