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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Exilkinder

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Ich ziehe meine leuchtrote Rettungsdienstjacke aus und lege sie auf die Couch neben den Polizeikoffer, meine dunkelblauen Einmalhandschuhe streife ich ab, stecke sie in meine linke Hosentasche. Langsam nehme ich die Klinke der Tür in die Hand, die das Kinderzimmer vom Wohnzimmer trennt. Ein junger Polizist steht schräg hinter mir, „ich komme mit.“ Der Vater steht im Raum, er möchte das nicht, die Kinder würden schlafen. Doch es schläft nur der Jüngste. Geflohen in die heile Welt des Schlafes. Der Ältere liegt im Bett. Das Licht, das durch die offene Tür ins Kinderzimmer dringt, erleuchtet den oberen Teil seines Bettes. Der Kleine liegt auf dem Bauch, die Arme vor dem Kopf verschränkt, die Decke weit bis über den Kopf gezogen. Über den Armen schauen scheu zwei große glasige Augen zu uns rüber.

Wie wir wohl wirken? Zwei große dunkle Gestalten im Licht aus dem Wohnzimmer? Ob er Angst vor uns hat? „Keine Angst, ich bin Jan, vom Rettungsdienst, und ein Polizist.“ In kleinen Schritten gehe ich langsam auf ihn zu, knie mich neben sein Bett. Er schaut mich an, weicht nicht zurück. Ich streichel ihm über den Kopf. Er hat geweint. Nochmal versichere ich ihm, dass er keine Angst haben muss. Deiner Mama und deinem Papa geht es gut. Ob er es mir glaubt? Er möge schlafen. Es versuchen. Alle sind in Sicherheit. Er wird nicht schlafen.

Ehe wir auf den Platz vor dem Haus mit der kleinen Wohnung eintrafen und neben uns der Streifenwagen angerollt war, herrschte Krieg. Die jungen Eltern, Mitte Zwanzig, hatten sich angeschrien, geschlagen, gekratzt. Das Wohnzimmer, ein Schlachtfeld. Hier sind keine Teller geflogen, sondern mehr: Schreie, Worte. Die nicht halt gemacht haben vor Türen und Wänden. Verteidigt wurden Eitelkeiten, falsche Standpunkte. Gestorben sind Ehrlichkeit, Liebe und Vertrauen. Werte, die doch für das Wichtigste im Leben gehalten werden. Sie liegen am Boden.

Auf ihnen stehen wir nun mit unseren Arbeitsstiefeln. Während meine Kollegin sie in unserem Fahrzeug vor der Wohnung betreut, befragen die Polizisten ihn im Wohnzimmer. Ich versuche, mir einen Überblick zu verschaffen. Es ist schon eine Überstunde für mich. Ich fühle mich abgeklärt, nüchtern. Wer hier angefangen hat, wird keiner mehr wissen am Ende. Schuldig, beide. Vielleicht nicht im Sinne der Anklage. Aber vor meinen Augen.

Die Dunkelheit des Schlafzimmers wird für die Kinder zum Exil. Verbannt aus einem glücklichen Familienleben, in der Fremde der Realität, getränkt von roher Gewalt, zu deren schutzlosen Zeugen sie werden. Ihr Exil, nicht bewacht. Hier treten keine Retter auf. Wir sind keine Retter. Zaungäste im alltäglichen Wahnsinn eines Wohnzimmers. Es ist kein Platz für romantische Retterbilder, die Kinder aus zerstörten Welten befreien. Es ist kein Platz für falsche Versprechungen. Was bleibt, ist ein leises „Hab keine Angst“, ein kleiner stiller Moment der Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Vielleicht morgen.

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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