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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: The Old Lady

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Es ist kalt heute. Hell wurde es nicht wirklich. Nicht verwunderlich für einen Tag am Ende des Jahres, den der Winter ergriffen hat. Es ist keiner dieser romantischen Schnee-Tage, der Tag ist trist. Nach einigen Tagen im Frei hat mich der Dienst zurück. Er führt mich gemeinsam mit meinem jungen Kollegen zu einer alten Dame. Wir wissen, sie soll für kurze Zeit in eine Pflegeeinrichtung. Der traurige Klassiker vor den Festtagen und dem Jahreswechsel, in dem Rettungsdienstler zum Senioren-Kopfgeldjäger mutieren und nervende alte Angehörige in einen „Kurzurlaub“, wie ihn die lieben Verwandten nennen, verschleppen.

Doch die glorreichen Familien-Tage stehen noch länger ins Land, und die Kuriosität, den Schlüssel zum Haus der alten Dame in einem Geschäft gegenüber abzuholen, lässt mich keineswegs erahnen, welch einfache und traurige Karikatur unserer Gesellschaft dieser Einsatz zeichnen wird. Und so parken wir unseren Krankenwagen vor dem großen stattlichen Bauernhaus. Dieses Haus kann viele Geschichten vom Leben erzählen, von den Menschen, denen es eine Heimat gegeben hat. Ich klingele, um anzukündigen, dass jemand kommt. Ich schließe die Tür auf, rufe „Hallo, jemand zuhause? Hier ist der Rettungsdienst.“

Wir stehen im Flur, öffnen eine Tür und stehen in einem Zimmer mit abgeschlagenen Möbeln. Wir öffnen eine andere Tür: kaltes, leeres Treppenhaus. Die nächste Tür: ein kaltes, dunkles Wohnzimmer. Auf der Couch, die alte Dame. Sie erschrickt, reißt die Augen auf, bekommt Angst. Ich gehe in die Knie, schüttele ihr die Hand und stelle mich vor. Sie ist schwerhörig. Ganz nah an ihr Ohr muss ich vorbeugen und fast schreien, damit sie mich versteht. Sie sitzt da und wartet. Den feinen Mantel trägt sie. Ausgehbereit. Doch darunter nur den Schlafanzug. Sie suche etwas zu Essen. Die Tasche steht daneben, gepackt. Sie weiß nicht, dass es weg geht. Ob man es ihr erklärt hat? Vielleicht hat sie es auch vergessen?

Die Heizung läuft nicht mehr. Licht hat man ihr auch keines angelassen. Angehörige, die warten, begleiten, verabschieden, eine peinliche Selbstverständlichkeit meiner Weltsicht. Die alte Dame ist allein. Wird abgeschoben. Sie kennt ihren Weg nicht, und ihr bleibt auch nichts anderes übrig als uns irgendwie zu vertrauen. Und auch wenn ich ihr unser Ziel erkläre, erweckt sie nicht den Eindruck, dass sie weiß, wie ihr geschieht.

Wir fahren. Während der Fahrt bemerke ich, dass ihre Schuhe noch offen sind. Dafür blieb auch keine Zeit. Ich schließe ihr die Schuhe und sie bedankt sich mit einem leisen, sicheren „Danke“. Die nüchterne Stimme in meinem Kopf erinnert mich daran, dass ich nur einen kleinen Ausschnitt gesehen habe, dass mir Informationen fehlen, um hier ein Urteil zu fällen. Ich kenne schließlich die Familienverhältnisse nicht. Muss ich das, um für mich zu merken, dass es niemand verdient hat, im eigenen Heim zu warten – wie an einem kalten Bahnhof auf einen Zug, dessen Reiseziel man nicht kennt? Ich glaube nicht. Und so hoffe ich, dass es dir gut gehen wird, wo wir dich hinbringen. Dass es warm und hell ist und Menschen da sind, die der alten Damen Gesellschaft leisten.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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