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Glaube - Leben - Popkultur

Zehn Jahre Leben im Zeitraffer

Bildrechte: thomyboecker / flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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Welche Musik aus dem Grundrauschen jedes Tages berührt dein Herz und deinen Verstand? Welche Band begleitet mit ihrer Musik dein Leben? Das wollen wir bei der #Bandparade wissen. Und fangen selbst gleich an zu erzählen…

Es ist jetzt 10 Jahre her, da stand ich auf einem ALDI-Parkplatz in einem saarländischen Dorf. Das „Rocco del Schlacko”-Festival war in diesem Jahr mangels besserer Location dorthin ausgewichen und so tanzte die Dorfjugend zur Abwechslung nicht im Wald, sondern im Ortskern zu Strike Anywhere, MIA und the (International) Noise Conspiracy. Wie immer war der Nachmittag für die “Nachwuchsbands” vorgesehen, die auch mal vor 6000 Menschen drei oder vier ihrer Songs zum besten geben wollten. Einer dieser Songs war “Reiß’ die Trauer aus den Büchern” und seitdem machen Jupiter Jones den Soundtrack für mein Leben.

Ich erinnere mich genau an die ersten Takte des Liedes, damals im Sommer vor der Kulisse eines Lebensmitteldiscounters. Extrem kurzes Intro, die Gitarre umgestimmt, dann ziemlich schnell die Stimme von Nicholas Müller die mir in Bildern Geschichten erzählt, die etwas mit meinen Geschichten zu tun haben. Mit meinem Leben da ganz am Rand dieses komischen Landes. “Unsere Herzen in den Händen”…”spar die Wehmut für das Alter”…”und das Warten auf die Antwort auf die ganzen alten Fragen”. Keine Ahnung welche Erlebnisse die Jupiters zu diesem Song inspiriert haben, jedenfalls hatte ich damals keine besseren Worte für meine eigene Geschichte.

Einige Wochen später lief das Debütalbum “Raum um Raum” in meinem Auto in Dauerschleife. Der Opener mit der Einleitung durch Hermann Hesse himself zaubert mir immer noch ein seliges Lächeln aufs Gesicht, vielleicht weil vieles, was sich in diesem Jahren sonst im PunkRock-Genre herumtrieb, von Leuten stammte, die sehr selten Bücher zu lesen schienen. Das Tour-T-Shirt mit dem Schriftzug “Auf das Leben” hätte ich lieber in fünffacher Ausfertigung gehabt, weil es irgendwie auch mein Lebensmotto war in diesen Jahren.

Aber es war nicht nur meine Musik, meine Band. Viele Songs konnte ich mit anderen teilen. Sie verbanden mich mit dem Freund, der das Auslandsjahr mit mir durchlebte, oder mit der Freundin, die in ihre chaotische Familiensituation Klarheit zu bringen versuchte. Es wäre vermessen zu behaupten, die Lieder von Jupiter Jones hätten manche Freundschaft stärker gemacht als sie war. Aber genauso fühlte es sich zeitweilig an. So als ob sie die Worte, die Musik gewesen wären, die wir selbst für das Erlebte nicht finden konnten. Noch heute kommt es vor, dass beim Hören von “Jupp” sofort ein bestimmter Mensch vor meinem geistigen Auge erscheint und bei “Eine Landjugend” gleich vier Gesichter, mit denen ich damals die Nacht durchgemacht habe, als das Lied stündlich in der Rotation auftauchte. Und immer wieder ging es um die Frage, was man eigentlich glauben kann, wem oder worauf man vertrauen kann. Manchmal wurde das laut, explizit und wütend wie in “Alter Mann, wo willst du hin”, dann wieder leise und zerbrechlich wie jüngst in der Coming-of-Age-Hymne “Zuckerwasser”. Ich weiß nicht, ob und woran die Jungs von Jupiter Jones glauben, aber für mich sind viele ihrer Songs regelrecht Andachtsstücke, geistliche Lieder, die ich mit geschlossenen Augen höre.

Dabei stört es mich keine Sekunde, dass der Sound sich über die Jahre verändert hat. Jupiter Jones haben sich getraut, mehr Pop zu wagen – auch auf die Gefahr hin, dass Fans der neuesten Generation nur noch Songs wie „Still“ erwarten und alte Fans sich abwenden, weil das ja nur Kommerzscheiss ist. Das musste sich Markus Wiebusch von Kettcar auch schon alles anhören. Für manche ist das Anbiederung an den Mainstream. Man kann es aber auch Reife nennen. Es gibt genügend Musiker, deren siebtes Album noch genauso klingt wie das erste. Tradition ist kein Wert an sich, sondern beschreibt, was jetzt mit früher verbindet.

Im November stand ich wieder in der Menge beim Konzert in Saarbrücken. Das Publikum hat sich verändert, ich gehöre jetzt zu den Älteren hier. Die Jupiters spielen quer durch alle Alben. Nicht alle können alles mitsingen. Auch ich kann mich nicht an alle Texte erinnern. Trotzdem sind es zehn Jahre Leben im Zeitraffer.
Danke, Jungs.

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Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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