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Glaube - Leben - Popkultur

TimeOut: Schwarzbunte Nacht

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Ruhig ist es geworden auf dem Bahnhof. Ein sanftes Schwarz hüllt den Platz des Kommens und Gehens, den Tempel der Mobilität in den Schlaf. Einzelne Laternen erstrahlen in symmetrisch angeordneter Parade mit Lichtklecksen zum Erhellen der Gehwege. Der letzte Zug fuhr vor einer knappen halben Stunde aus. Friedvoll verschlafen wirkt der sonst so lebhafte Bahnhof, wenn man die fünf Polizisten ausblendet, die auf dem Bahnsteig stehen.

Sie stehen in einem sicheren Abstand zu mir. Sie versperren den Weg. Ich sitze auf einer Bank am Ende des Bahnsteigs. Es ist fast Mitternacht. Ich lag auf der Couch als der Alarm kam. Neben mir sitzt die Begegnung des Abends. Sie wirkt ein wenig unschuldig, ein kleiner junger Punk mit bunten Haaren. Die Beine angewinkelt, sitzt sie trotzig-verspielt neben mir. Ihr zusammengeflickter Rucksack gefällt mir. Sie ist noch keine Zwanzig. Die Situation undramatisch. Sie will fliehen aus diesem Leben, aus dieser Gesellschaft. Ob sie sich töten möchte? Sie verneint es.

Sie verabschiedete sich bei einer Bahnmitarbeiterin, gab ihren Personalausweis ab. Darauf hin wurden wir alarmiert. Notarzt, Rettungsdienst, Polizei. Es ist kein theatretisches Zurückhalten von der Bahnsteigkante. Ein ruhiges Gespräch, eine Bestandsaufnahme. Nüchtern, kritisch. Zuweilen verloren. Ja, natürlich: Die schwierige Kindheit, der Klassiker. Ebenso der Klassiker: Die schwierige Gesellschaft, die es versteht, Drogen, Alkohol, Missbrauch und psychische Erkrankungen in die schwarzen Ecken ohne Laternen zu verbannen. Dort bleiben sie alleine, ungesehen. Es befreit vermeintlich von Verantwortung.

Die junge Frau fasziniert mich mit ihrer genauen und kritischen Beschreibung unserer Hingabe an Systeme und Strukturen, deren Einhaltung und Aufrechterhaltung Menschen über Leichen gehen lässt. Sie erzählt von ihren Codes, ihren geheimen Botschaften der Freiheit, in denen sie die Gesellschaft entlarvt und die Augen öffnet. Sie schwärmt von den vielen Farben, in denen sie die Welt sieht. Eine Begegnung zwischen Faszination und Wahnsinn. Sie wünscht sich Freiheit, Aufmerksamkeit. Es ist mehr. Es ist Sehnsucht nach Anerkennung, sie will ernst genommen, gehört werden! Die Bestandsaufnahme wandelt sich zu einem Zuhören. Ich finde kaum Wiederworte. Streiten möchte ich mich nicht mit ihr.

Nach über einer Stunde machen wir uns auf den Weg. Nicht in die Freiheit. Ich führe sie zum Rettungswagen. Sie kommt freiwillig mit. Als ich ihr erkläre, dass ich sie aufgrund der Fahrt anschnalle, nicht um sie zu fesseln, lacht sie über mich – über meine Mühen, ihr nicht auf die Füße zu treten. Freundschaftlich vertraut wirkt die Situation, ich bin verstört.

Die Türen der Psychiatrie schließen sich hinter mir, der Pfleger verschließt sie. Ich gehe zurück in die schwarze Nacht, setze mich hinter das Steuer des Rettungswagens. Es bleibt die Erinnerung, mit vielen bunten Bildern, an eine Begegnung, die mich fragen lässt, ob der kleine Punk nicht doch Recht hat. Dass wir unsere Sehnsüchte nach Freiheit und Menschsein nicht ernst genug nehmen. Vielleicht, aber das wäre ja krank.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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