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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Sechseinhalb Minuten

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

„Brauchst du noch etwas von drüben?“ „Eine Cola wäre cool, danke!“ Ich flitze nach drüben, zu dem kleinen Lebensmittelladen gegenüber unserer Rettungswache. Meine Kollegin wuselt durch das Büro unserer Rettungswache. Es ist zwanzig vor zwei. Und Heilig Abend. Um zwei schließen
die Tore gegenüber, ich will die Chance nutzen. Über den Andrang bin ich überrascht. Dachte, um diese Zeit ist das Schlimmste vorbei. Egal, noch drei Leute vor mir an der Kasse. Die Rettungsdienst-Kleidung überzeugt dieses Mal nicht, mich vorzulassen. Es ist mir egal, denn ich habe Zeit.

Das Diensthandy läutet. SMS. Einsatz. Unpassend. Genervt krame ich in der Hosentasche. Der Blick auf das Display legt den Schalter um. Die Cola-Flaschen plumpsen lieblos zwischen die Kaugummis, ich drängele mich vorbei. Die Kassiererin, man kennt sich, schaut verdutzt. Ich wünsche frohe Weihnachten – und laufe. Der grobmotorische Laufschritt ist wenig anmutig, aber ich muss mich beeilen.

Als ich auf den Beifahrersitz des Rettungswagen springe, startet meine Kollegin gerade den Motor. Blaulicht an. Ich suche nach den blauen Einmalhandschuhen, lege meiner Kollegin welche heraus. Obwohl es noch einige Kilometer sind, habe ich meine bereits angezogen. Ich sitze angespannt im Sitz, in den Kurven hält mich der Gurt zurück. Es ist still im Führerhaus.

Wir machen unseren Job, Tag für Tag. Und mit all unserer Routine und Freude an der Arbeit geht es immer ehrlich und gesprächig zu. Gerade, wenn ich mit dieser Kollegin fahre. Wir sind befreundet. Nun hat sich schnell Schweigen eingestellt. Das Schweigen sagt viel. Wir konzentrieren uns. Was
könnte jetzt alles sein? Wir hoffen. Hoffentlich ist es nicht so schlimm wie es sein könnte. Schließlich ist Heilig Abend. Und wenn doch? Nein. Bitte nicht. – Aber selbst wenn, weiß ich, wen ich an meiner Seite habe. Eine Kollegin, die ihren Job versteht. Und der ich durch und durch vertraue. Das schafft Sicherheit. Mut, sich dem Einsatz zu stellen. Mit dieser Kombination haben wir schon einige Einsätze bestritten. Diesen auch?

Nach sechseinhalb Minuten sind wir da. Es ist Heilig Abend. Dem dreijährigen Jungen geht es besser. Die allergische Reaktion verlief glimpflich. Er bekommt wieder besser Luft. Die Aufregung versteht er noch nicht ganz. Rundherum sind alle erleichtert, Anspannungen fallen langsam. Nach
sechseinhalb Minuten die Rettung, die Erleichterung. Der nächste Weg führt ins Krankenhaus und weiter in den Tag, der uns noch öfters herausfordern wird. Wir bleiben standhaft, souverän. Ein Team. Rettungsdienstlicher Weihnachtskitsch? Leck mich! – Danke, Laura!

 

JanDerrJan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat
berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar
Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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