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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Dämon

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Es ist zehn vor sechs. Mitten in der Nacht. Kurz vor der Wache. Zurück vom Krankenhaus. Die Schwester in der Notaufnahme ist genervt, will uns nicht mehr sehen. Die dritte Alkoholvergiftung in dieser Samstagnacht. Ich hab keine Lust mehr! Keine Lust mehr auf betrunkene junge Menschen, die Spaß am Feiern hatten und sich einen krönenden Abschluss im Krankenhaus gönnen. Übernachtung, ohne Frühstück. Krankenkasse zahlt ja. Der große Pott Verständnis, den ich mühevoll versuche, tagtäglich und auch zuweilen des Nachts mit mir herumzuschleppen, ist leicht. Er ist leer.

Im Funk knarzt unser Funkrufnamen. Und dann der Fluch der Rettungsleitstelle. „Es geht weiter für euch.“ Ich schlage auf das Armaturenbrett vor mir. Kann doch wohl nicht wahr sein. Denn der nächste Betrunkene wartet. Vor einer Diskothek. Welch eine Abwechslung zur Feier des achtzehnten Geburtstags und zur Schlafstätte zwischen zwei geparkten Autos. Mein Kollege ist gelassen. Ich könnte ihn töten dafür. Aber dennoch bin ich froh, dass er da ist. Denn ich fahre gleich, während er Mister Jägermeister hinten betreut.

Der Deal mit meinem Kollegen ist ein leichter: ich fahre, halte den Mund und er bemüht sich, das Häufchen in Alkohol getränktes Elend aufzusammeln. Auch so hier. Auf unseren Tragestuhl. Sitzen klappt noch. Ausgekotzt hat er sich. Er ist nicht aggressiv. Also ein harmloser Fall. Spannung, was die Kollegin der Notaufnahme gleich sagen wird. – „Ja, bitte?“ Wieso muss ich denn jetzt von dem etwas weniger betrunkenen Kameraden, der es nicht geschafft hat, seinen Kumpel beim Saufen zu bremsen, angesprochen werden? Die Tatsache, dass ich mich im Dienst befinde, erscheint mir gerade absolut kein Argument zu sein. „Klar nehmen wir den Geldbeutel von deinem Kumpel mit“ Dann eine Frage, die mir die Sprache verschlägt. Ob ich eine schriftliche Quittung ausstellen könne – er wolle mir ja nichts unterstellen, aber man weiß ja nie und gehört habe er ja auch schon so einiges von diesen Krankenwagenfahrern.

Der letzte Tropfen Diplomatie lässt mich ihn einladen – einfach mitzufahren und den blöden Geldbeutel von seinem Kumpel, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist, einfach selbst festzuhalten. Memo an mich selbst: „Fehler. Nicht wiederholen.“ Denn der junge Mann, dessen Einschreibung in ein von mir vermutetes Studium der Rechtswissenschaft ein wenig zu Kopf gestiegen ist, stellt weitere Fragen: Ob wir frische Kleidung hätten für seinen Kumpel – mit dem bunten Potpourri diverser Getränke vom letzten Abend über dem Hemd würde ihn ja kein Taxi nach Hause fahren. Oder dann später im Anschluss an die Ausnüchterung auch den Transport in das heimische Bett kostengünstig übernehmen könnten.

Ich halte die Welt nicht mehr aus. Wie sehr sehne ich mich zu dem betrunkenen Patienten, der einfach im Stuhl pennt. Stattdessen werde ich konfrontiert mit der auf die Spitze getriebenen Frechheit und Dreistigkeit eines Dreikäsehochs, dessen unbefriedigten Triebe ihn in dieser Nacht in die fragwürdige Diskothek führte, um dort Eindruck beim weiblichen Geschlecht zu machen. – Die Diskussionen werden weiter geführt – mit dem Pflegepersonal, die ebenso unverständlich den jungen Mann anstarren. Die Eier, auf seinen Kumpel aufzupassen oder gar bei ihm zu bleiben, hat er nicht. Aber ja darauf zu achten, dass die im letzten Tequila ersoffene Würde des Kumpels auf dem Silbertablett mit einer Kopfschmerztablette in den Sonntag gleiten kann.

Den Job habe ich sicher nicht verfehlt. Vielleicht eine klare Ansage in dieser Nacht. Dass wir kein Taxi sind für gescheiterte junge Männer mit Party im Magen-Darm-Trakt infolge erhöhtem Alkoholkonsum. Ich stehe vor der Notaufnahme. Neben mir mein Dämon. Er grinst. Er ist zufrieden.

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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1 Kommentar

  1. Nette Geschichte! Ich kann das Erlebte durchaus nachvollziehen. “Übernachtung, ohne Frühstück. Krankenkasse zahlt ja” gefällt mir besonders gut ;) Solange das pro Person aber nur einmal passiert, danach haben die meissten die Lektion gelernt, geht das noch in Ordnung.

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