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Glaube - Leben - Popkultur

TimeOut: Heimat

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Gestern hat Jan Derr in “Heimweh” über einen schwierigen Einsatz gebloggt. Dass derselbe Einsatz auch eine ganz andere Seite hatte, lest ihr heute im zweiten Teil:

Ein herrlicher Frühlingstag. Wir sind unterwegs zu unserem Einsatzort. Ein wenig unsicher, gespannt, was uns erwartet. Der Weg führt uns an die Grenzen unseres Leitstellen-Gebietes, wir kennen uns nicht mehr aus. Die Sonne scheint, es ist warm. Die Wiesen und Bäume grün. Mitten auf dem Land, es ist schön hier. Unser Krankenwagen passt nicht ins Bild. Ein Polizeiwagen jagt an uns vorbei, Blaulicht, Martinshorn. Sicher hat hier keine Fuchs eine Gans gestohlen. Wo die hin düsen, da müssen wir auch hin. Da sind sich meine Kollegin und ich einig.

Die Zwangseinweisung, zu der wir in ein Wohnheim für behinderte Menschen gerufen werden, entschärft sich – nach Bangen über einen „Zugriff“, nach Abwarten, nach Zureden. Eine Angehörige holt den jungen Patienten ab, der Heimweh hat und aggressiv geworden war. Die Wartezeit stellt sich ein. Die Polizei fährt, der Arzt fährt. Wir bleiben. Der Patient bleibt in seinem Zimmer. Da die Sonne scheint, entschließen sich meine Kollegin, unser Praktikant und ich vor der Tür zu warten – das geile Wetter nutzen wir! Meine Kollegin parkt unseren Krankenwagen auf der Seite, ich telefoniere mit der Rettungsleitstelle und mache Meldung zur Lage.

„Wollt ihr einen Kaffee?“ fragt die freundliche Stimme einer Mitarbeiterin. Bereitwillig nicken wir und stimmen zu. Milch, Zucker – natürlich. Geht aufs Haus. Wir nehmen Platz vor der Tür auf einer großen Holzbank. Und schnell entwickelt sich der Halteplatz von Einsatzfahrzeugen wieder zu dem, was er eigentlich ist: Zu einem Hof mit Leben und glücklichen Menschen. Andere Heimbewohner haben natürlich bemerkt was los ist. Jetzt kommen sie raus, heißen uns willkommen. Sie stellen sich vor und sind neugierig, wer wir sind.

Ehe ich mich versehe, fühle ich mich wie auf einem Familienfest. Heißer Kaffee wird gereicht, Fotos von der Familie und von Freunden werden uns gezeigt, wir diskutieren über Fussball, Politik und Autos. Besonders interessant findet einer unserer neuen Freunde unseren „TD“, und meint unseren VW Krankenwagen. Er hat ein Faible für Autos und laute Musikanlagen. Die ist zwar nicht üppig in unserem Fahrzeug, aber es gilt sie ebenso zu demonstrieren und begutachten zu lassen wie unser Blaulicht. Expertenrunde.

Ich fühle mich wohl. Ein Ausflug ins Grüne an einem Samstagmittag. Zu Freunden. Wir sind Gäste. Gemütlich geht es zu. Und auch wenn die Verständnisbarrieren hier und da etwas höher reichen, so verstehen sich alle mit etwas Geduld, mit Händen und Füßen und einem Grinsen auf dem Gesicht. Die eigentliche Einsatzsituation verpufft, auch wenn sie immer mal wieder kurz aufflammt, als sich unter Patient unter die Menge mischt.

Mein Herz pocht. Ich überreiche meinem neuen Freund mein Schlüsselband. Eines hat er schon, in weiß. Jetzt bekommt er noch ein zweites, ein blaues. Von meiner Hilfsorganisation. Es ist ein Erinnerungsstück zu diesem Nachmittag, zu unserem Besuch. Ob er sich freut? Ja, das tut er! Manchmal braucht es den Schritt in einen unsicheren Bereich. Der Blick über den Tellerrand wird belohnt mit einem weiten Blick, mit lieben Menschen. Und ich finde es schade, als die Schwester unseres Patienten kommt. Er darf nach Hause fahren. Ich muss mich jetzt auch auf den Weg machen. Zurück zur Wache.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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