Pages Navigation Menu

Glaube - Leben - Popkultur

TimeOut: Heimweh

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Ein herrlicher Frühlingstag. Wir sind unterwegs zu unserem Einsatzort. Ein wenig unsicher, gespannt, was uns erwartet. Der Weg führt uns an die Grenzen unseres Leitstellen-Gebietes, wir kennen uns nicht mehr aus. Die Sonne scheint, es ist warm. Die Wiesen und Bäume grün. Mitten auf dem Land, es ist schön hier. Unser Krankenwagen passt nicht ins Bild. Ein Polizeiwagen jagt an uns vorbei, Blaulicht, Martinshorn. Sicher hat hier keine Fuchs eine Gans gestohlen. Wo die hin düsen, da müssen wir auch hin. Da sind sich meine Kollegin und ich einig.

„Zwangseinweisung“ lautet das Einsatzstichwort. Unser Ziel, ein Heim für geistig behinderte Menschen. Vor der idyllisch und liebevoll gestalteten Heimanlage sammeln sich Einsatzfahrzeuge, zwei Streifenwagen, unser Krankenwagen. Ein Bereitschaftsarzt hat alle alarmiert. Die Stimmung auf dem Flur ist gespannt, als wir kommen. Große Polizisten, mit Angriffshandschuhen. Wir haben trotz der warmen Temperaturen unsere langen Einsatzjacken an, ich ziehe den Reißverschluss zu – bis ganz nach oben. Ich schwitze in den blauen Einsatzhandschuhen.

Unseren Patienten habe ich noch nicht gesehen. Er ist in seinem Zimmer. Ein Neuzugang. Mitte der siebziger Jahre geboren, knapp 1,90 m groß, gute 130 Kilogramm schwer. Der Arzt, der im Türrahmen steht, lächelt süffisant über das sich auftürmende Sturmkommando aus Polizisten und Rettungsdienstlern. Er hat Heimweh. Ein erwachsener Mann, geistig auf dem Stand eines zweijährigen Kindes – bereitet uns der Arzt vor. Er ist aggressiv, tut sich selbst weh. Mitbewohner und Heimarbeiter haben Angst. Er ist schwer zu bändigen. Im Moment ist er ruhig, in seinem Zimmer. Die Uniformen sollen nicht provozieren. Alle halten sich zurück, aber bereit.

Wir besprechen uns. Den Plan, den niemand ausführen will. Wenn der junge Mann nicht selbst mitkommt, muss er dazu gezwungen werden. Indem sich alle auf ihn werfen, fixieren, der Arzt ein Beruhigungsmittel spritzt. Und alle sind sich einig – es ist die Ultima Ratio. Lieber wird erklärt, mit Engelszungen auf ihn eingeredet. In dem Wissen, dass er es nicht nachvollziehen kann. Er hat Angst. Ich auch.

Das Telefon klingelt. Szenenwechsel. Die Schwester konnte erreicht werden. Sie holt ihn ab. Er kann nach Hause. Erleichterung macht sich breit auf dem Flur. Arzt und Polizei rücken ab. Wir werden gebeten zu bleiben. Bis die Schwester da ist. Und während wir auf eine Tasse Kaffee eingeladen werden und den neugierigen Heimbewohnern unseren Krankenwagen zeigen, kommt er auch aus seinem Zimmer. Der große Mann, mit einem traurigen Gesicht. Er versteht nicht viel. Aber er weiß, dass wir wegen ihm da sind. Er mag uns nicht. Er winkt uns weg. Haut ab, das macht er uns deutlich. Wir dürfen nicht. Ich würde gern.

Heimweh ist ein scheiß Gefühl. Ich kenn es noch aus Kindertagen. Die Angst vor der Fremde, die Sehnsucht nach Eltern und den sicheren vier Wänden des Kinderzimmers. Ich verstehe ihn. Die unkontrollierbare Kraft, die dieser große Mann hat, die jederzeit in Aggression umschlagen kann, macht mir Angst. Gerade, wenn er jetzt zu mir kommt. Er will, dass ich in seine Hand einschlage. Mein Herz pocht. Das ist kein Monster, höre ich mich innerlich sagen. Ich schlage ein, grinse ihn an. Versuche ihm zu zeigen, dass ich kein Feind bin. Gleich darauf winkt er uns wieder weg. Verschwindet. Heimweh lässt sich nicht immer durchbrechen mit Spielkameraden, Schokolade oder Ablenkung durch ein buntes Programm. Manchmal braucht es wieder den Rückzug in einen sicheren Bereich. Für ihn ist das jetzt besonders wichtig. Und ich bin froh, als die Schwester kommt. Dass er nach Hause kann. Ich fahren darf. Nach Hause, auf die Wache.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

Letzte Artikel von Jan Derr (Alle anzeigen)

Keine Kommentare

Trackbacks/Pingbacks

  1. TimeOut: Heimat | Manna Magazin - […] hat Jan Derr in “Heimweh” über einen schwierigen Einsatz gebloggt. Dass derselbe Einsatz auch eine ganz andere Seite […]

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>