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Glaube - Leben - Popkultur

Zuggerechtigkeiten

Foto: micagoto / flickr.com (CC BY-NC 2.0)

Foto: micagoto / flickr.com (CC BY-NC 2.0)

„Guten Morgen meine Damen und Herren, die Fahrkarten bitte!“

Die liebliche Stimme des Zugbegleiters reisst mich aus dem Dämmerschlaf. Routiniert fische ich das Semesterticket aus der bunten Masse von EC-Karten, alten Liebesbriefen, Familienfotos und natürlich der Bonuspunktesammelkarte vom Friseur in meinem Portemonnaie heraus. Ein kurzes Abnicken vom Bahnmenschen, ich setze zufrieden an zum Weiterdösen. Mein Gegenüber hingegen durchsucht jetzt schon geschlagene fünf Minuten in Zeitlupe seine Jacke. Nach einer Weile höre ich seine leise Stimme:

 „Ich kann mich absolut nicht ausweisen…“

 „Was für ein Ticket hätten Sie denn eigentlich“?

„Ein Ticket 2000.“

„Das gilt aber nur bis Herrath.“

„.Ja…also ich hab kein Ticket.“

„Na sehen Sie junger Mann, seien Sie ehrlich zu mir, dann spiel ich auch mit Ihnen und nicht gegen sie!“

Langsam aufwachend nehme ich mein Gegenüber nun etwas genauer unter die Lupe. Ein junger Mann irgendwo zwischen 14 und 20, blonde Haare, braune Hose, blaukariertes Hemd, beige Jacke, alles  ziemlich abgetragen – mein Gehirn ist routiniert dabei, ihn in einer der Menschentypen-denen-man-so-im-Zug-begegnet-Schubladen einzusortieren. Nach einem Obdachlosen riecht er jedenfalls nicht, puh, dann ist das ganze hier hoffentlich schnell vorbei.

„Und, noch Kohle dabei?“

„Jaah, schon…aber…also die brauche ich noch, um mir was zu essen zu kaufen.“

„Gut. Dann müssen wir gleich die Kollegen von der Bundespolizei einschalten, um ihre Identität festzustellen und sie zahlen dann 40 Euro.“

Die Stimme des Zugbegleiters dröhnt durch das Abteil. Irgendwo unter meiner morgendlichen Müdigkeit geht der Bahnreflex los. Wo machen solche Typen eigentlich ihre Ausbildung – und kommt Höflichkeit im Umgang mit Fahrgästen da eigentlich gar nicht vor? Unterbrochen von zwei Haltestellen geht das peinliche Frage-Antwort-Spiel weiter, bis schließlich Namen und Adresse des jugendlichen Bahndelinquenten feststehen. Schweigen. Der Zugbegleiter frickelt an seinem Gerät, druckt etwas aus, zerreißt es, grüßt seinen vorbeigehenden Kollegen, zögert, druckt erneut etwas.

„Also junger Mann, Sie sind also in Rheydt eingestiegen und der Automat funktionierte nicht. Da haben Sie mich im Zug gesucht, und möchten jetzt bei mir ein Ticket kaufen. Ist das korrekt?“

„Ja, ähm, also…“

„Wunderbar. Dann bescheinige ich Ihnen das jetzt und Sie müssen nur den Fahrpreis innerhalb von zwei Wochen nachzahlen.“

Ein ungläubiges Lächeln und wenige Minuten später bin ich mit dem jungen Mann in ein spannendes Gespräch vertieft. Er verrät mir, dass er gerade auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch in den Niederlanden ist, weil er einen Ausbildungsplatz als Tischler sucht. Und dass er im Sommer einige Wochen in Namibia war. Seine Tante, die dort Freunde hat, wollte eigentlich mit ihm hinfliegen, die ist dann aber krank geworden. Also hat er seinen besten Freund mitgenommen. Weil der sich das aber eigentlich nicht hätte leisten können, hat er ihm kurzerhand die Hälfte des Fluges bezahlt. Und deswegen jetzt kein Geld mehr für’s Zugticket.

Geschieht ihm Recht, finde ich.

 

Maike_SiebenMaike Sieben aus Erkelenz hat Gründung und Pleite ihres ersten Startups, einer Kellerkirche im rheinischen Braunkohlerevier, schon hinter sich (siehe hier). Sie studiert in Aachen VWL und Soziologie und hat gerade ein Auslandssemester in den USA begonnen.

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